Blog 36 | „LMAA & VUCA“ – Schnellcheck für Ihr Zinsbuch?

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Die Bundesbank wird nervös und laut Markus Koch – der Wallstreet-Ikone- befinden wir uns bereits im Bärenmarkt. Die Italiener zündeln an den Anleihemärkten und das IFO-Institut erwartet eine längere Konjunkturschwäche. Na und wenn´s am schönsten ist, verlässt auch Angela Merkel die Party vorzeitig. Was bedeutet dies für Ihr Treasury, Zinsbuch oder Depot A? Soviel ist klar: Welcome back in der VUCA-Welt; Risiko ahead? Ein paar Fragestellungen für Liquidität, Marktpreisrisiko und Asset Allocation (LMAA). Seien Sie gespannt.

Die VUCA-Welt bringt uns zurück in die Realität

Volatilität

Nur kurz rekapituliert: Letztendlich beschreibt dies die Rückkehr zu einem gewissen Volatilitätsregime, d.h. die Schwankungen an den Finanzmärkten dürften wieder zunehmen. Auch verständlich, wenn man beachtet, dass die EZB Ihren „ich kaufe alles was bei 3 nicht auf den Bäumen ist-Modus“ wieder verlässt.

Unsicherheit

Die Märkte, sind so wieder eher auf sich alleine gestellt. Unter Einbezug der altbekannten Mitspieler Trump, Brexit & Co – dürfte damit die Unsicherheit wieder deutlich spürbarer werden.

Komplexität

Die Komplexität war dagegen nie weg, wurde aber durch die EZB-Maßnahmen, das gute Konjunkturumfeld und dem Risk-On-Modus am Kapitalmarkt überlagert. Kommen die Märkte nun in Bewegung, fallen die Ursache-Wirkungs-Ketten wieder ins Gewicht…

Mehrdeutigkeit (Ambiguität)

One fits all z.B. be long Bunds, Aktien, High-Yield, Immobilien passt möglicherweise künftig nicht mehr. Davon abgesehen, dass Sie u.U. möglichweise in viel zu geringem Maße von den bisherigen Entwicklung profitiert haben dürften, wird die Welt künftig wieder bunter (mehrdeutiger), was für Sie heißt schnelle(re) und flexible Antworten zu finden.

War Treasury bisher zu einfach…

Kühn oder gar forsch und ex post beschrieben war die Welt zumindest seit Draghi´s „Whatever it takes-Beruhigungspille“ eher wenig VUCA und geradezu „einfach“.

  • Die Zinsen sind gesunken, (was Ihren Zinsbuchbarwert) grundsätzlich gut bekommen sein dürfte
  • Die Refinanzierungssätze waren deutlich negativ (was Ihren ZÜB subventioniert hat)
  • Liqui- und Credit-Spreads sind implodiert (Ihre Risikovorsorge dankt es Ihnen)
  • Risikoprämien bei Aktien und High-Yields haben sich ebenfalls ständig reduziert (Wundervoll)
  • Die Kreditrisikovorsorge ist auf historischen Lows (und subventioniert den Gesamtertrag)
  • Und auch die Finanzmarkt-Volatilität bewegt sich auf historischen Tiefständen (was Ihre Nerven und Ihren VaR schont)
  • Die Notenbanken kündigen bevorstehende Aktionen vorsichtig und sogar mehrfach an, (und zahlt damit auf das Low-Vola-Umfeld ein)
  • Außerdem finanzieren die Notenbanken Hypothekenbanken, Corporates und Staaten (was für eine gewisse Ruhe sorgte)

Unterstrichen werden die Aussagen im aktuell veröffentlichten Finanzstabilitätsbericht 2018 der Deutschen Bundesbank. “Die Wirtschaft befindet sich im längsten Aufschwung seit der Wiedervereinigung. Die Zinsen sind seit mehreren Jahren äußerst niedrig, die Vermögenspreise sind hoch, und die Volatilität an den Finanzmärkten ist vergleichsweise gering“.

Nur mal so by the Way: Auf 2017 passen die beschriebenen Entwicklungen wie angegossen. So zeigten 2017 rund 99% aller beobachteten Assetklassen, eine positive Performance. Das gab´s noch nie. Nur wie gesagt, das war die Welt in 2017.

Doch warum in der Vergangenheit herumstochern? Die Zukunft ist doch wichtiger! Genau, deshalb.

Die Vergangenheit im Treasury war eben durch die Low-VUCA-Welt geprägt. Wenngleich Ihr Zinsbuchbarwert nicht durch die Decke ging, wurde das Zinsbuch volatilitätsmäßig verschont und musste sich kaum mit steigenden Zinsen auseinandersetzen.

Und auch wenn der Zinsüberschuss grundsätzlich gelitten hat, waren die periodischen Risiken beherrschbar. So konnte die ein oder andere ZÜB-induzierte Ergebnislücke auch anderweitig kompensiert werden: Kreditrisikovorsorge, Reserven-Management oder Eigengeschäftsopportunitäten  – schlimm ist anders .

In einem Satz: Natürlich ergaben sich zahlreiche Herausforderungen – im übrigen auf der Ertragsseite- welche infolge einer –vielleicht etwas kühn gesprochen- zu defensiven Anlage- & Geschäftspolitik resultierten. Und nochmal verkürzt: “Haben Banken in der Vergangenheit Adressausfallrisiko gegen Ertragsrisiko getauscht?”.

Der Treasurer als Gewohnheitstier

Auch wenn sich die beschriebene und seit langem anhaltende Low-VUCA-World gut anfühlt wird der Zustand nicht ewig anhalten. Sie wissen das, ganz sicher!

Stellen sich die Frage wie sich die Treasury-Aktivitäten, d.h. das Liquiditätsmanagement, die Ausrichtung des Gesamtzinsbuches und die Asset-Allokation auf Gesamtbank und Eigengeschäftssicht infolge der Low-VUCA-Welt verändert haben bzw. wie Sie künftig aufgestellt sein möchten (müssen?).

Warum, das Ganze?

Sie ahnen es selbst: Oktober und November erinnern dieses Jahr eher an eine Winterdepression als an einen goldenen Herbst. So haben im Gegensatz zu 2017 aktuell 89% aller Assetklassen eine negative Year-to-Date-Performance abgeliefert. Schlechter war´s nur in den Jahren 1904 und 1920. Schön ist anders!

Ob Euro-Unternehmensanleihen, US-Treasury´s, Emerging-Markets-Bonds, US, UK-oder Euro Aktien inkl. Rohstoffe, es sind nahezu alle Assetklassen vom Performance-Lag betroffen. Ganz nebenbei gehörte die Wertentwicklung italienischer Staatsanleihen in diesem Zusammenhang noch zu den unauffälligen Assetklassen.

 Es ist solange zu früh bis es zu spät ist…

Erfahrungsgemäß kommt man in derartigen Marktphasen mit nahezu digital in der Realität an:

Spiegelglatte See, kein Wölkchen am Himmel, Sonne pur. Kaum mit dem Schlauchboot auf See kommt es wie aus dem Nichts zu einem Wetterumschwung und die Gefahr einer Panik ist nicht mehr nur Theorie. Nicht weil es sich um einen gewaltigen Orkan handelt, sondern weil man sich vom guten Laune-Wetter nahezu unvorbereitet hat „einlullen“ lassen.

Die aktuellen Entwicklungen an den Kapitalmärkten ähneln diesem Beispiel. Nach 9 Jahren Aufschwung, wird die Luft nun dünner und die nächste Phase ist in der Regel Konjunkturabflachung, Abschwung oder gar Rezession.

Dies gilt natürlich erst recht vor dem Hintergrund tendenziell schlechterer Kapitalmarktkonditionen und einer bereits angekündigten restriktiveren Notenbankpolitik. (P.S: weniger ultraexpansiv ist auch restriktiv).

Hohe Ölpreise, Verspannungen in Geo- , Handels-, und Innenpolitik tun Ihr übriges. Nüchtern betrachtet ist es eigentlich ein Wunder, dass die Finanzmarktwelt noch so ist wie sie ist. Es scheint fast so als haben die Aktienmärkte die neue Realität nun berücksichtigt, quasi: Nächster Halt Abschwung. Und weil Aktienmärkte, Volatilität, Credit-Spreads etc. unweigerlich miteinander verwoben sind, haben alle auch im Eigengeschäftsportfolio etwas davon. Und Abschwung bedeutet Zinsrückgang. P.S: Sind Sie Long Duration?

Man spürt in einem derartigen Neuorientierungsumfeld wie schnell sich aufgebaute Reserven in Luft auflösen können oder sich -und zwar losgelöst von hohen Nettoreserven- selektiv und klammheimlich auch stille Lasten im Eigengeschäftsbuch „einschleichen“.

Irgendwann schaut man dann wieder genauer hin…

Wagt man spätestens jetzt einen Detailblick ins Portfolio rücken oftmals eher geduldete als gewollte „Bad Guys“ im Portfolio in den Fokus. Nicht nur in der Theorie sondern oft genug in der Praxis erlebt, gelangt man schnell zu der Frage, warum man diverse Titel überhaupt im Portfolio hält. Im übrigen kein Vorwurf. Sondern Selbsterfahrung!

Hintergrund ist regelmäßig das historisch gewachsene Portfolio mit Buy and Hold Status oder zumindest geringer Kapitalumschlaghäufigkeit. Im beschriebenen Goldi-Lock/ QE-Umfeld bestand ja „nicht unbedingt die Notwendigkeit“ das Portfolio kritisch zu hinterfragen oder gar neu zu ordnen. Tanze solange die Musik spielt.

Um bei der Metapher mit der See zu bleiben: Suchen Sie die Rettungsweste oder das Rettungsboot nicht erst wenn Sie es brauchen.

Schuss vor den Bug oder Gezeitenwende?

Ob das Low-VUCA-Ding noch ein Weile andauert, morgen der große Abschwung einsetzt oder uns eine neue Krise heimsucht wissen wir nicht. Ob Ihr mittlerweile „historisch gewachsenes Low-VUCA-Gesamt-Portfolio“ (welches über das bloße Eigengeschäftsportfolio hinausgeht) noch Ihre Anforderungen – auch hinsichtlich Ihrem wirklichen Risikoappetit – erfüllt wäre zu klären. Folgende Fragestellungen helfen bei der Beantwortung:

 Liquidität

  • Zeichnen Sie für sich ein realistisches Bild zu Ihrer Liquiditätssituation, welche Befürchtungen, Risiken sehen Sie? Wo haben Sie ein ungutes Gefühl?
  • Sind sämtliche Liquiditätspockets in Qualität und Quantität bekannt?
  • Wie lange dauert die Aktivierung oder „Zugriffsdauer“?
  • Ist Ihr aktueller Instrumentenkasten inkl. Fachskills adäquat und angemessen? Ehrlich wert am längsten!

Eigengeschäftsportfolio

  • Beschreiben Sie in wenigen Worten Zielsetzung, Zusammensetzung, Ihre Bewirtschaftungsmethodik und die Risiken in Ihrem Portfolio? Leichtgefallen?
  • Haben Sie einen Asset-Allokation-Prozess, eine Eigenanlagenstrategie festgelegt? Es geht nicht um den Prozess, sondern darum welche Erträge und Risiken wirklich wollen und die Rahmenbedingungen bekannt sind. Quasi: Das historisch (in der Low VUCA-World) gewachsene Portfolio vs. Strategischer Ausrichtung.
  • Beurteilen Sie Ihr Portfolio doch mal nach Qualität und Quantität
  • Würden Sie Ihr aktuelles Portfolio morgen zum aktuellen Marktwert wieder genauso kaufen?
  • Was sind Ihre 10 Top-Guys und Bad-Guys in Ihrem Portfolio? Welche Positionen fallen und „Hope and Pray?“
  • Welche Transaktionen fehlen um Ihr jetziges Portfolio „

Gesamtzinsbuch

  • Stressen Sie die Transparenz ihres Gesamtzinsbuches in Zusammensetzung, Cash-Flows, Modellierung, Zinssensitivität und Volatilität – Erkenntnisse?
  • Welche Zielsetzungen/ Resultate erwarten Sie im Gesamtzinsbuch?
  • Warum steuern Sie so wie Sie steuern? (Methodik, Frequenz, Instrumente, etc.)
  • Was sind Ihre Risiko-Szenarien im Gesamtzinsbuch (natürlich barwertig und periodisch) und welche Transaktionen müssten Sie mit welchen Instrumenten tätigen um diese Risiken abzusichern. Ist der theoretische Hedge bereits bekannt, oder wird dieser erst ad hoc bei Bedarf hektisch entwickelt?

Don´t Panic – Erhöhe Deinen Standard

Konnten Sie alle Fragen -gerne auch nur für sich- problemlos beantworten? Welche Fragestellungen haben Ihnen Schwierigkeiten bereitet und welche Themenstellungen erachten Sie möglicherweise auch als unwichtig. Es geht hier zunächst nur um Sie und letztendlich Ihrem Ambitionsniveau.

Welches Niveau verlangen Sie von Ihren Führungskräften, Mitarbeitern und Kollegen? Allein Ihr Thema. Nur als Tipp: Sie fliegen in den Urlaub und Ihr Flugzeug gerät in Turbulenzen. Welches Ambitionsniveau würden Sie von Ihrem Kapitän erwarten?

Derivatexx unterstützt Ihr Treasury, Gesamtbanksteuerung und Portfoliomanagement über bilaterale FachCoachings, Seminare und Praxisworkshops und zwar so, dass Sie was davon haben. Praxis gelebt nicht doziert. Erhöhen Sie Ihr Schlagkraft und Umsetzungsfähigkeit und damit Ihre Resilienz. Neugierig geworden: Kontaktieren Sie uns.

Sie haben Fragen oder Anregungen zu diesem oder einer Themenstellungen rund um Treasury, Gesamtbanksteuerung und ALM? Kontaktieren Sie uns gerne. Wir freuen uns auf Sie. Weiter Informationen zu Ihrem professionellen Partner derivatexx finden Sie hier.

Bleiben Sie erfolgreich.

Herzliche Grüße Ihr Dennis Bach

Geschäftsführer der derivatexx GmbH

Blog 35 | Hasta la Vista, EURIBOR – Gefahr für Zinsbuch und Gesamtbank?

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Mit “Hasta la Vista, Baby “(„Auf wiedersehen Süße“) schickt Arnold Schwarzenegger als Terminator seine Widersacher in die ewigen Jagdründe. Das gleiche Schicksal scheint nun auch EURIBOR, EONIA & LIBOR zu treffen. Schlimm? Na ja, sagen wir, es kann für die Häuser hässlich werden und es dürfte gelten: Den letzten beißen die Hunde. Ein Blick auf die Auswirkungen und mögliche To Do´s in Ihrem Hause.

Sie kennen den Sachverhalt längst. Infolge manipulierter LIBOR-Sätze antwortete Europa, EBA und Konsorten diesmal mit einer Benchmark-Verordnung (BMR), EU 2016/1011. Die Übergangsfrist endet am 01.01.2020. Gegenstand der Verordnung ist im Wesentlichen, dass sogenannte Indexanbieter künftig eine Zulassung für die Veröffentlichung Ihrer Indizes, Referenzwerte und Benchmarks vorweisen müssen. Auch EURIBOR, EONIA und LIBOR sind betroffen. Neben zahlreichen formalen Anforderungen ist auch eine anspruchsvolle Zulassung notwendig. Blöderweise erfüllen die aktuellen Referenzzinssätze EONIA, EURIBOR und LIBOR diese Anforderungen derzeit nicht. Handlungsbedarf also, für unsere ins Herz geschlossenen und beinahe an jeder Ecke verwendeten „Referenzsätze“.

Love it, Change it or Leave it…

Letztendlich, existieren für die Indexanbieter zum Ende der Übergangsfrist hinsichtlich EURIBOR und EONIA 2 Handlungsoptionen:

  1. Anpassung | Anforderungsgerechte Anpassung der Methode bei der Ermittlung der bisheriger Referenzzinssätze
  2. Neukonzeption | Einführung neuer anforderungskonforme Referenzzinssätze

Nicht lange um den heißen Brei geredet, bedeutet dies:

Leave it – EONIA wird ersetzt  (und wird höchstwahrscheinlich zu ESTER)

Die EZB entschied zwischenzeitlich das EONIA-Tagesgeldfixing durch einen neuen Referenzzinssatz, nämlich durch den neuen ESTER-Satz zu ersetzen. Nur zur Klarstellung: Das EONIA-Fixing stellt u.a. den variablen Referenzzinssatz bei OIS (umgangssprachlich EONIA Swaps) dar.

Das Kürzel ESTER steht für „Euro Short Term Rate“. Die Grundlage für ESTER basiert auf allen im Rahmen der Geldmarktstatistik gemeldeten Transaktionen aller Banken. Das Ergebnis steht am Folgetag um 9:00 Uhr bereit. Die endgültige Einführung von ESTER soll im Oktober 2019 erfolgen. EONIA ist ab 2020 nicht mehr mit der Benchmark-Verordnung der EU vereinbar.

In diesem Zusammenhang ist derzeit auch noch in Klärung, ob ESTER die neue Referenz bei OIS wird, ober andere Risk Free Rates (RFR´s) dies Funktion übernehmen sollen. Zur Debatte stehen noch transaktionsbasierten und zentral geclearten die GC Pooling Deferred Rate und die RepoFunds Rate.

Change it – EURIBOR – hybride Methode

Während das EONIA-Fixing von den Bildschirmen verschwindet bleiben uns die EURIBORs weitgehend –aber mit anderer Ermittlungsmethode und „ausgedünnt“ – erhalten.

Die Key-Facts:

  • Die Referenzlaufzeiten werden deutlich ausgedünnt, ab Oktober 2018 nur noch Berechnung von 1W, 1M, 3M, 6M und 2M (ggf. Entwicklung Tagesgeldbasierter EURIBOR)
  • Euribor wandelt sich von Quote-basiertem zu Transaktions-basiertem Satz
  • Grundlage bilden ebenfalls die in der Geldmarktstatistik gemeldeten Transaktionen aller Banken.
  • Die Interbanken-Sätze orientieren sich infolgedessen eher an den BID-Sätzen (was ja ja irgendwie skurril ist, dass es sich um die offered rate handelt, aber letztendlich die BID-näheren Sätze berücksichtigt werden. Dies aber nur nebenbei).
  • Interessant ist auch , das künftig CDs und CPs banknaher Institutionen in die Modellierung der Referenzsätze einbezogen werden
  • Die Ableitung der EURIBORS erfolgt über ein 3-stufiges Wasserfallprinzip (hybrid methodology), was bedeutet dass zunächst Transaktionsdaten zur Ermittlung herangezogen werden, und diese je nach Situation um theoretische Quotierungen (also quasi wie bisher) und bedarfsweiser Schätzungen angereichert werden.

Die Theorie träumt, die Praxis belehrt.

Soweit zum Hintergrund und zur Theorie der ganzen Benchmark-Irrungen und-Wirrungen. Interessanter dürften aber die Auswirkungsketten in Treasury, Zinsbuch und Gesamtbanksteuerung der sich spätestens in 2020 materialisierenden Änderungen sein.

Elementar oder Non-Event? Die große Frage ist doch – Elementar oder Non-Event? Die berufserfahrenen Semester unter uns, erinnern sich sicherlich noch an den Referenzwechsel von FIBOR auf EURIBOR. In diesem Kontext erfolgte der Wechsel ja ziemlich geräuschlos über die FIBOR-Überleitungsverordnung. Also alles halb so schlimm? Schauen wir mal.

EONIA und ESTER – Es kann passieren was es will, es gibt immer einen der es kommen sah

Ersten (Test)Berechnungen zufolge notiert ESTER rund 5 BP unter der EZB-Einlagenfazilität und 9 BP unter EONIA. Durch das niedrigere „ESTER-Tagesgeldfixing“ ergeben sich – sollte ESTER die neue OIS-Referenz werden – automatisch auch niedrigere Festzinssätze bei EONIA – oder künftig besser gesagt Overnight-Index-Swaps. Je länger die Laufzeiten, desto deutlicher dürften die Auswirkungen sein.

Der reformbedingten Wechsel und Anpassungen erfolgen wohl im Umfeld einer sich  veränderten EZB-Geldpolitik, das macht die Transparenz auf die Auswirkungen nicht leichter. Wenngleich aus der heutigen Perspektive EONIA-Payer-Swaps sinnvoll sein könnten, stellt sich hierbei die Frage inwieweit positive Performance-Effekte durch die Anpassungen (niedrige OIS-Sätze) negiert werden könnten.

Niedrigere Referenzzinssätze können sich insbesondere für Marktteilnehmer, die in langfristigen Zinsswaps als Festzinszahler gebunden sind, negativ auswirken, da ihr Festzinssatz i.d.R. unverändert bleibt, die Gegenpartei jedoch nach Umstellung der Referenzzinssätze z.B. auf das strukturell niedrigere ESTER-„Fixing“ bis zum Laufzeitende einen Vorteil erlangen kann. Besonders bei langfristigen Zinsswaps kann dies für Festzinszahler erhebliche Kostennachteile und Marktwerteinbußen bei vorzeitiger Auflösung bedeuten.

Sehr spannend ist deshalb auch die Frage, wie eine Anpassung des neuen Referenzsatzes bei laufenden EONIA-Swaps erfolgen soll und ob bei laufenden EONIA-Swaps auch der Festzinssatz über einen Korrekturfaktor angepasst werden soll.

Irgendwie scheint aber klar, dass Auswirkungen auf die Marktwerte der bisherigen EONIA-Swaps vorprogrammiert sind. Dies hat zur Folge, dass je nach Bilanzansatz (IFRS, HGB), Institutsgröße oder Transaktionsfrequenz die Auswirkungen spätestens bei einem vorzeitigen Close-Out-spürbar werden.

EURIBOR – trügt der Schein?

Auf der EURIBOR-Seite erscheinen die Auswirkungen ähnlich. Für laufende Testrechnungen zu den der weiterentwickelten EURIBOR-Fixings (evolved EURIBORs) erwarten Marktteilnehmer mit ≈4 BP zwar auch hier etwas niedrigere Sätze als bei den bisherigen Fixings. Nur scheint dies nur die eine Seite der Medaille.

Die Risiken im Euribor-referenzierten Swapmarkt sind hier deutlich größer. Hintergrund ist, dass volumensmäßig die meisten unbesicherten Geldmarkt-Interbank-Transaktionen in den (sehr) kurzen Laufzeitenbuckets (bis max. 3 Monate) liegen. Infolgedessen dürfte hier eine ausreichende Transaktionsbasis zur Ableitung des 3-Monats-Euribors vorliegen.

Bei längeren Referenzzinssätzen (Tenors) z.B. 6er EURIBOR ist die Datenbasis schon massiv dünner. Hier bestehen deutliche „Chancen“, dass der 6erEURIBOR im Rahmen seiner neuen hybriden Methode unter Zuhilfenahme modellierter Bestandteile (also quasi wie bisher) abgeleitet wird. Hier ist mit „illiquideren“ und dadurch höheren Sätzen zu rechnen. Die neue EURIBOR-Kurve dürfte damit strukturell steiler werden.

Nicht zu unterschätzen ist auch der Sachverhalt, dass die an der Ermittlung der EURIBORs beteiligten Panel Banken (früher waren es ja mal deutlich über 40) deutlich auf aktuell 20 zusammengeschrumpft sind. Aufgrund Reputations- und Haftungsrisiken ist ein weiterer Rückgang der Panel-Banken sicherlich nicht zu schwarz gemalt. In einem solchen Kontext würde die Ableitung insbesondere „längerer“ Euribor-Fixings sagen wir deutlich erschwert.

Und es kam wie es kommen musste? Ein Blick auf die Auswirkungen

Im Zuge der beschrieben Entwicklungen, dürfte(n)…

  • sich die neuen ESTER-(OIS)-Festzinssätze (alte EONIA-Swapsätze) tendenziell niedriger entwickeln
  • die ESTER-(OIS)Swapkurve tendenziell flacher werden
  • sich die kurzen EURIBOR-Fixing eher an ESTER-orientieren
  • die Euribor-Fixing-Kurve deutlich steiler werden
  • sich die Basis (Zinsdifferenz) zwischen 6-M-Swaps und EONIA-Swaps eher ausweiten
  • das Interesse von Zinsswaps langfristig deutlich zurückgehen und im Gegenzug das Interesse an Ester-Swaps (Tagesgeldswaps, Ester-Swaps, OIS-Swaps) deutlich erhöhen
  • möglicherweise eine Umstellung von Transferpreisen auf eine ESTER (EONIA-Basierung) opportun erscheinen

 

Gerade wenn Du denkst, dass alles gut läuft, hast Du bestimmt irgend etwas übersehen

Be Prepared…

Neben den dargestellten (und mit Sicherheit nicht vollständigen) potentiellen Auswirkungen stellt sich die Frage wir Ihr Zinsbuch oder die Gesamtbank betroffen sein könnte. Hier ein paar Anregungen:

  • Über 2020 hinausgehende EONIA oder EURIBOR -Swaps sind von der Umstellung der Referenzzinssätze betroffen. Welche Auswirkungen ergeben sich? Möglicherweise erscheint es opportun sein Derivate-Portfolio kritisch zu betrachten
  • Die Bewertung von Zinsswaps erfolgt über einen Dual-Curve-Modell-Ansatz. Dies bedeutet, das die Cashflows des Zinsswaps über die Swapkurve abgeleitet werden, die Diskontierung aber über geldmarktbasierte Sätze  erfolgt.(heute EONIA, später ESTER-Swapsätze). Die deutlichsten Auswirkungen ergeben sich bei Über/oder Unter-Pari-Swaps erfolgt. Durch die neuen Referenzsätze ergeben sich also Verschiebungen in den Cashflows wie auch in der Diskontierung. Marktwertveränderungen vorprogrammiert.
  • Denken Sie bei diesen Veränderungen bitte an Auswirkungen hinsichtlich verlustfreie Bewertung des Bankbuches, VaR-Auslastungen, Liquiditätsauswirkungen i.V.m. Collateral-Management oder IFRS-Bewertungen, etc.
  • Besteht Ihr Derivate-Portfolio aus Zinsswaps verschiedener Referenzzinssätze (möglicherweise Fremdwährung) erhöhen sich die Komplexitätsgrade deutlich. Identifizieren und Simulieren Sie die potentiellen Basisrisiken. Die Aufsicht wird diese Fragen sicherlich stellen.
  • Assetswap-Packages und Bewertungseinheiten. Sie haben Fixed-Bonds in variabel gedreht oder zinsvariable Aktiva oder Passiva in Fix? Bitte beachten Sie potentiell unterschiedliche Vorgehensweisen bei der Umstellung der Referenzen. Sicherlich dürften auf der Bond-Seite (z.B. bei 6-Monats-Floatern) der Referenzzinssatz EURIBOR weiter genutzt werden, der 6-M-Swaparkt tendenziell aber an Bedeutung verlieren. Auswirkungen?
  • Potentielle Veränderungen der Basis (ESTER vs. 6M-Swaps, 3m vs.- 6 M-Swaps) führen zwangsläufig auch zur Veränderung von Liqui- und Credit-Spreads. Auch hier können sich Auswirkungen auf Ihre Risikomessverfahren und infolge auch auf die Risikoauslastungen ergeben.
  • Mit Sicherheit strahlen die EURIBOR-Anpassungen auch auf das Kundengeschäft aus. Möglicherweise steht der notwendige Referenzzinssatz (z.B. Gleitzinsklausel etc.) nicht mehr zur Verfügung oder es ergeben sich deutliche Herausforderungen infolge einer veränderten Steuerung in Treasury. (z.B. Referenzsätze im variablen Kundengeschäft bleibt bei 6M, Hedging und Steuerung erfolgt auf ESTER- oder 3m-Basis).
  • Operational Readyness– Denken Sie an Ihre Systeme, welche Risikosteuerung, Bestandsverwaltung und Bewertung übernehmen. Der Euribor ist hier regelmäßig standardmäßig hinterlegt.
  • Nutzen Sie EURIBOR-Futures oder Forward-Rate-Agreements? Auf welchen Sätzen basieren Ihre Marktdatenkonzepte, etc. – alles betroffen.
  • Fachskills: Last but not least: Sorgen Sie dafür, dass Ihre Mitarbeiter fachlich Up-to-Date sind. Investieren Sie in Schulung und Weiterbildung Ihrer Mitarbeiter und versetzen Sie sie in die Lage mit dem Thema professionell umzugehen
  • Legen sie sich einen Kommunikationsplan „War-Story“ zurecht, um Fragen Ihrer Stakeholder und der Aufsicht schnell und adressatengerecht beantworten zu können.

 

Sie haben Fragen oder Anregungen zu diesem oder einer Themenstellungen rund um Treasury, Gesamtbanksteuerung und ALM? Kontaktieren Sie uns gerne. Wir freuen uns auf Sie. Weiter Informationen zu Ihrem professionellen Partner derivatexx finden Sie hier.

Bleiben Sie erfolgreich.

Herzliche Grüße Ihr Dennis Bach

Geschäftsführer der derivatexx GmbH